Kunstwerk im Fokus
Erich Waske: Taormina
Ewiges Feuer in furchtbarer Jugendkraft

In diese Worte kleidete der Spaziergänger nach Syrakus, Johnan Gottfried Seume, seinen ersten Eindruck von der Landschaft um Taormina, deren Horizont vom Ätna beherrscht wird. Seit dem 19. Jahrhundert hat die Stadt in Sizilien immer mehr Bewunderer in ihren Bann gezogen: unwiderstehlich ist die Kombination von Natur- und Kulturschönheit und der Kontrast sanft geschwungener, meerbespülter Buchten mit der majestätischen Kulisse des Feuerbergs am Horizont. Der junge Erich Waske hatte sein malerisches Erweckungserlebnis in Dalmatien, wo er 1916 als Flieger stationiert war und bei seinen Flügen von der glutvollen lichtgebadeten Farbigkeit der mediterranen Landschaft überwältigt wurde. Das farbenschwelgerische Kolorit seiner Gemälde trug ihm später das Beiwort "Symphoniker der Farbe" ein. Bis an sein Lebensende erneuerte er die Begegnung mit der südlichen Lichtfülle auf Reisen. Sizilien bot dem Künstler nicht nur lichte Farbigkeit, sondern mit dem Ätna auch das Faszinosum des Vulkans, das sich als Motiv auf vielen Gemälden Waskes wiederfindet. Feuerfahnen des Vulkans und die Glutströme der zu Tal fließenden Lava inszeniert Waske als ein Farbenfeuerwerk archaischer Naturkräfte. Auch in dem Gemälde von Taormina ist der Ätna, obwohl im Bildhintergrund, der Blickfang und das heimliche Zentrum des Bildes. Er erstrahlt in gleißendem, hellgoldenen Licht, als ob die in seinem Inneren hochkochenden Lavaströme durch die diaphane Haut des Berges schimmern würden. Eine goldene Rauchfahne, die seinem Kegel entsteigt, verschwistert sich mit den violetten und purpurnen Wolkenbänken eines unirdisch leuchtenden Sonnenuntergangs. Das Land zu Füßen des Bergs rollt blau und türkis in weiten Wogen bis zu der Anhöhe des Amphitheaters, an der es sich wie Wasser an einer Hafenmole bricht. Die kompakten Ruinen des Bauwerks in Erdtönen schließen die Szene nach vorne ab und bieten sich dem Betrachter als eine Art Aussichtpslattform im Bild selbst an, von der aus ein sicherer Blick auf die weit ausschwingende Fläche von Wasser, Land und dämmernder Luft bis hin zum aktiven Feuerberg am Horizont möglich ist. Einzig die roten Lichterbögen, die die schmalen Uferkanten säumen, deuten die Existenz moderner Menschen an, die scheinbar unbehelligt ihre Existenz zwischen den monumentalen Schatten der Vergangenheit und der Drohung eines zukünftigen Feuerstroms führen.

 


Erich Waske Gemälde
Erich Waske (1898-1978):
Das Amphitheater von Taormina vor dem Ätna
Temperagemälde auf Malkarton, 69 x 93 cm
links unten signiert
 

Kunstwerk im Fokus
Heiko Pippig: Tür No. 13
Rite de passage

Eine Tür erscheint - fast so wie die Edamer Katze in Carolls "Alice im Wunderland" inszeniert sie ihr allmähliches Auftauchen: der Türsturz und die linke Türzarge sind bereits sichtbar, das Türblatt ist noch dabei, sich zu materialisieren, und das Pendant der rechten Türzarge sowie die Schwelle fehlen ganz. Hinter der Türe, im rechten Winkel zu ihr stehend, schweben Farbflächenin Gelb, Türkis und Blau mit zerfasernden Formen; über und hinter dem Türsturz baut sich wie eine Mauerkrone oder züngelnde Flammen ein oranges Zinnenband auf, das mit breiten Pinselstrichen an der linken Zarge hinabsteigt. Spätestens hier verunklart sich das Verhältnis von hinten und vorne, von dreidimensionaler Form und Fläche. Sind die orangen Farbfahnen Bestandteil des sich aufbauenden Türblatts, schweben sie vor oder hinter dem Türsturz oder durchdringen sie ihn wie Farbschlieren durch das Wasser nach unten gleiten? Zumindest ist geklärt, wo Vorderseite und Rückseite der Türe sind: die Tür trägt Schwarz auf Weiß eine Haus- oder Zimmernummer, die ominöse Dreizehn, im Titel mittig unten in Parodie schnarrenden Bürokraten-Deutschs wiederholt: "Tür Nummro 13".
Warnung oder Aufforderung? Die Dreizehn ist die Zahl der Überschreitung, die erste Zahl nach der Zwölf, die im Duodezimalsystem, das wir unserer Stundeneinteilung und der Jahreseinteilung zugrundelegen, auf die abgeschlossene Einheit der Zwölf folgt. Wenn sich die 13. Türe öffnet, ist ein Zyklus abgeschlossen und ein neuer Kreis, und damit eine neue Chance, öffnet sich. Gemessen senkt sich das Tor nach unten, hinter sich bereits die farbige Verheißung der Vielfalt, vor sich die saugende Leere des Neubeginns. Kein Schloß ist zu öffnen, keine Klinke zu drücken, die Türe selbst besteht zum großen Teil aus Nichts, buchstäblich, da das Auge des Betrachtes sich einen Großteil ihrer Form aus der freigelassenen weißen Fläche des Malgrunds imaginieren muss. Die Schwierigkeit des Übergangs liegt also nicht im Widerstand des Materiellen, sondern in der Aufforderung an den Betrachter, das Objekt als solches überhaupt zu erkennen und damit die Chance, die das Tor bietet, im doppelten Sinne wahrzunehmen. Belohnt wird derjenige, der mit Phantasie die Schwelle überschreitet, mit dem Eintritt in eine Welt der zu gestaltenden Möglichkeiten, die als schwebender Farbenschleier alle Mutigen draußen vor der Türe lockt.

Heiko Pippig (*1951): Tür No. 13, 2010
Acrylgemälde auf Leinwand, 165 x 145 cm
mititig unten betitelt, links unten monogrammiert
und datiert

     
  Kunstwerk im Fokus
Gerhard Elsner: Zu Dante
Figürliche Komödie

Eine Reise durch Hölle, Fegefeuer und Himmel unter Führung des prophetischen Dichters Vergil und der idealen Geliebten Beatrice - zu Beginn des 14. Jahrhunderts begab sich Dante auf diese allumfassende Fahrt, die für ihn eine "commedia" war, da an ihrem Ende das gute Ende im Paradies stand. Zu Beginn des Epos zweifelt der Dichter, ob er Kraft genug habe, das, was er auf dem Weg durch Hölle und Fegefeuer sehen wird, getreulich in Worten wiederzugeben. Er denkt an Äneas, seinen fernen Vorgänger, der ebenfalls lebendigen Leibs und menschlichen Geistes die unterirdische Welt durchschritten hat und zurückkam, weil es zum göttlichen Plan gehörte: "Als er, noch unterworfen dem Verwesen, / Ins Wesenhafte einging, sinnenhaft / Ließ dieses zu der Gegner alles Bösen".
Gerhard Elsner macht dieses Zitat, leicht abgewandelt, zum Vorwurf eines Gemäldes von 1997, das Schrift und Bild, klassisches Ölgemälde und Collage kombiniert. Zwei Figuren, zu schmalen gestreckten Silhouetten ohne Binnenzeichnung abstrahiert, stehen vor einem Hintergrund, der an stilisierte archaische Architektur mit zyklopischen Pfeilern erinnert. Elsner verwendet dieses Motiv überzeitlich, es dient als Chiffre für die historische Verwurzelung der Bau-Kunst in frühgeschichtlicher Ferne und ihre mythische Aufladung. Indem er in der Reduktion der modernen Funktionsarchitektur auf ihre struktiven Elemente sie mit ihren Vorgägngern in vorgeschichtlicher Zeit kurzschließt, verleiht er ihr einen symbolische Zweitaustattung, die wie ein Schatten hinter der funktionalen Moderne und ihren zeitgenössischen Nutzern liegt. In den Stadtbildern Elsners sind die Abgänge, Pforten, Unterführungen und Portale immer auch Eingänge zur Unterwelt und Anderwelt, so wie Dante und vor ihm Äneas in die unterirdische Welt hinabsteigen und mit Wissen beladen zurückkehren. Nicht umsonst erinnern die beiden Figuren Elsners an die etruskische Figur - in Etrurien spielt auch der Gang in den Hades des Äneas - die als "Ombra della Sera", der Abendschatten, bekannt wurde, und deren körnige Gußoberfläche der Künstler durch die Verwendung oxydierter Stahlwolle imitiert. Der Gang in die Schattenwelt ist ein Gang, den die Figuren gleichzeitig mit dem Niedersinken der Sonne antreten. Im Gegensatz zu Dante haben sie keinen spirituellen Führer, sondern müssen den Weg im Vertrauen auf ihre Gemeinschaft antreten. Ob diese Gemeinsamkeit den Gang überstehen wird oder nicht bereits brüchig ist, lässt der Künstler offen. Das Motiv des Paars zieht sich seit langem durch sein Schaffen. Die Gestaltung als gedoppelte Figur und die parallele vereinzelnde Komposition zeigen die Ambivalenz des (Ehe-)Paares als Seelenverwandte und als distanzierte Individuen.



Gerhard Elsner (1930-2017):
Zu Dante, 1997
Öl-Gemälde mit oxydierter Stahlwolle auf Leinwand, 60 x 50 cm
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