Zum 90. Geburtstag
Hannes Pirker
Erzmagier und Luftkünstler

Der 1930 im österreichischen Knittelfeld geborene Hannes Pirker ist ein Künstler im umfassenden Sinne. Ein Dreiklang aus Musik, bildender Kunst und vermittelndem Wort bestimmt seinen Lebensweg. Er studierte Musik mit Meisterklassenabschluss in Querflöte am Grazer Konservatorium; als gelernter Schreiner und aus ausgebildeter Stahlwerker beherrscht er zwei der ältesten Handwerkstechniken der Menschheit und als erfolgreicher Fotograf und Filmförderer bewies er sich in den 1960er Jahren im visuellen Leitmedium des 20. Jahrhunderts. Als Lehrer, Autor und Galerist ist er engagierter Vermittler eigener und fremder Kunst, und als geborenem Pädagogen war es ihm immer ein Bedürfnis gewesen, seine kenntnisreiche Leidenschaft für Kunst in all ihren Form anderen zu vermitteln. Denn Hannes Pirker ist nicht nur ein Mann des Schaffens, sondern auch der Gedanken und der Worte. Jedes seiner Kunstwerke ist unterfüttert mit reichem Wissen und mit historischen Bezügen. Er steht im Dialog mit der Kunstgeschichte, knüpft ein Gespräch mit dem Bildhauer Franz Xaver Messerschmitt an oder denkt die Ansätze des Bauhauses für das späte 20. Jahrhundert weiter - und das so überzeugend, dass ihm das Bauhaus-Archiv als einzigem österreichischem Künstler den Titel "enkel des bauhauses" zusprach. Hannes Pirkers Kunst erwächst bei aller Modernität aus einer humanistischen Grundlage, das Fundament ist die gedankliche Auseinandersetzung des Künstlers mit der Welt. Für den engagierten Bürger Pirker ist diese Welt auch die unmittelbare Lebensumgebung gewesen. Das große Weltenkonzept und die Historie und Gegenwart der Steiermark, Makro- und Mikrohistorie liest er in eins und zieht für beide Seiten erhellende Erkenntnisse daraus.
Als Steiermärker prägte ihn der über zweitausendjährige Erzabbau in der Region. Immer wieder suchte er die Hüttenwerke auf, um sich in historischen und modernen Techniken des Stahlgusses und der Stahlbearbeitung ausbilden zu lassen. Er entwickelte eigene, besonders hochlegierte Stahllegierungen. Mit diesem handwerklichen Rüstzeug in der Hand schuf er ab den 1960er Jahren Stahlplastiken, deren charaktertistische Eigenart sich auch dem Umstand verdankt, dass er in der Lage war, sein einzigartiges künstlerisches Konzept mit selbstentwickelten Techniken in die Wirklichkeit eines Kunstwerks umzusetzen. Wie Hannes Pirker betont, sind mit der Schließung der letzten Stahlwerke die realen Orte der Erzverarbeitungstechniken von der Landkarte verschwunden; ihr Archiv und Museum ist jedoch noch in den Kenntnissen und in den Werken von Künstlern wie Pirker bewahrt.
Seine Kunst denkt Pirker haptisch, dreidimensional und immer für die Öffentlichkeit. So finden sich viele seiner Arbeiten im öffentlichen Raum, wo sie auf das Umfeld reagieren und es subtil verändern. Pirkers Kunst ist eine Kunst, die mit ihrer Umgebung in einen Dialog tritt, sie ist nicht statisch, sondern verändernd, nicht abgeschlossen, sondern aufnehmen. Architektonisches Umfeld, mit Erinnerungen gesättigte Orte, Licht und Schatten der ziehenden Wolken, strömendes Wasser oder über die Berggipfel streichende Winde: die Plastiken und Installationen Pirkers sind für die Interaktion mit der Umwelt entworfen und verändern sich unablässig mit ihr. Im Laufe seiner langen Karriere hat Pirker sich verschiedene Stilsprachen erschlossen, eines ist seine Kunst jedoch immer geblieben: kinetisch, eine Kunst der Veränderung und der Bewegung. Sogar scheinbar statischen zweidimensionalen Werken wie den Stahlschliffen haucht er den Atem der Veränderung und damit des Lebens ein. Feinste Wechsel in Oberflächentextur und -höhe machen die Oberfläche der Objekte zu einer Bühne, über die das zauberische Schauspiel changierender Lichter, Reflexe, Formen und Farben zieht. Manche Groß-Skulpturen, wie sein "Balance-Akt" von 1997, der von der Dachstein-Bahn in Auftrag gegeben wurde, sind ein "work in progress". Vom Wind bewegt, präsentiert sich die monumentale Stahlskulptur je nach Windstärke und Windrichtung immer neu, in steter Veränderung, wie ein Musikstück. Als Künstler hat Pirker etwas von einem Alchemisten: er wandelt den statischen Stoff in fließende Bewegung, die unbeugsame Materie in kreisende Bewegungen im Raum und Zeit. Holz vermählt sich dem Tagesgang des Lichts, Stahl wird zum Windsbräutigam. Seine Werkstoffe Erz und Holz holt er von den Wurzeln der Berge und aus der Muttererde, er härtet sie im Feuer, läßt sie von Wasser überströmen und vom Wehen der Luft bewegen: wie ein Prospero der Kunst beschwört er die vier Elemente und fügt sie mit dem Zauberstab seines Könnens zu Schöpfungen der brave new world seiner unverwechselbaren Kunst zusammen.
Am 20. Dezember wird der Künstler, Musiker, Pädagoge, Polyhistor und Autor Hannes Pirker 90 Jahre alt. Wir gratulieren zu einem der Kunst gewidmeten Leben und einem reichen Lebenswerk.

Stahlplastik

Hannes Pirker: Werden, 1960er Jahre
Stahlplastik, gegossen, geschnitten und teilbrüniert, H ca. 142 cm

     
  Kunstwerk im Fokus

Frans Masereel: Der Ackermann von Böhmen 1952

Hora incerta

Ein Gespräch wird über die Jahrhunderte hinweg geführt: zwischen einem Maler des 20. Jahrhunderts und einem böhmischen Notar des späten Mittelalters. Johann von Saaz verfasste um 1401 einen Dialog zwischen einem namenlosen Bauern und dem Tod. Der Ackermann streitet mit dem Tod, weil er den Tod seiner Ehefrau nicht hinnehmen will, der Tod kontert mit der Unausweichlickeit des Lebensendes. Gott, der als Schiedsrichter hinzutritt, erkennt das Recht des Todes an, ein Leben zu beenden, und das Recht des Menschen, über den Verlust zu klagen - und mit Gebeten sich die Hoffnung auf ein Wiedersehen im jenseitigen Leben zu verschaffen. Dieses Gespräch über Sinn oder Sinnlosigkeit des Todes hallte in der Kunst der folgenden Jahrhunderte auch in der Malerei und in der Musik weiter, rührt es doch an eine Grundfrage der menschlichen Existenz. Zum ersten Mal in der deutschen Literatur darf zumindest für die Dauer eines Dialogs die vehemente Klage, auch Anklage des Menschen über seine kreatürliche Gebundenheit die
Man weiß nicht, was Johann von Saaz zu seinem sprachlichen wie gedanklichem Meisterwerk veranlasst hat, ob es die Verarbeitung eines persönlichen Erlebens war oder eine literarische Fiktion. Für Frans Masereel waren es die realen Erlebnisse des 2. Weltkrieges, den er in Südfrankreich zusammen mit seiner Frau in einer Mühle versteckt überlebte. Flucht, Vertreibung, Résistance, Deportation - die Schrecken des Krieges und der deutschen Besatzung hatte er persönlich oder im Schicksal von Freunden und Kollegen erfahren. Die Klage aus dem späten Mittelalter über den Tod, der Menschen ohne einsehbaren Grund aus dem Leben reißt, war für ihn ein zeitloses Memento Mori. In den Illustrationen zu dem Werk verarbeitete er seine eigenen Gedanken: ob das menschliche Leben von einem Plan göttlicher Vorsehung oder einem moralischen Gesetz geleitet wird, was der Sinn des Leidens ist, und läßt die in ihrer Vehemenz anrührenden Rebellion des endlichen Geschöpfs gegen die Sinnlosigkeit des Todes in der humanistischen Hoffnung auf eine Fortführung des Weltengangs durch die nachfolgenden Generationen und das Weiterleben in Gedenken und Jenseits enden.
1952 brachte der Insel-Verlag eine Ausgabe des "Ackermanns von Böhmen" mit 13 Holzschnitten von Frans Masereel heraus. Die komplette Folge der Tuschzeichnungen, nach denen Masereel seine Holzschnitte für die Publikation schuf, fand sich im Nachlass des Künstlers. Der in machtvollen Schwarz-Weiß-Akkorden geschaffene Zyklus legt Zeugnis ab von der gestalterischen Kraft des Künstlers und seiner humanistischen Grundhaltung.

Frans Masereel

Frans Masereel: 13 originale Tuschzeichnungen zu Johann von Saaz': Der Ackermann von Böhmen, 1952
     
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