Juni 2019
Kunstwerk im Fokus

Bruno Krauskopf: Fels-Landschaft Lofoten, 1935

Expressive Kraft

1933 auf einer Parisreise erfuhr Bruno Krauskopf, dass in Deutschland die Nationalsozialisten die Regierung übernommen hatten. Der hellhörige Künstler wußte, was die Stunde geschlagen hatte. Er kehrte von Frankreich nicht mehr in das heimatliche Berlin zurück, sondern emigrierte nach Norwegen. Stavanger im Südwesten des skandinavischen Landes wurde ihm neue Heimat. Er fand dort seine Frau, gründete eine Familie, norwegische Künstler unterstützten den Neu-Ankömmling dabei, im norwegischen Kunstleben Fuß zu fassen, darunter die nordische Maler-Legenden Edvard Munch und Per Krogh. Die in Norwegen bis 1950 verbrachten Jahre waren die glücklichste Zeit im Leben Krauskopfs. Dazu trug auch die Begegnung mit der nordischen Landschaft bei, die neue Schaffenskraft im Künstler freisetzte. Besonders auf den Lofoten, der nordnorwegischen Inselgruppe, die Krauskopf mehrfach bereiste, begegnete er unberührter Natur, wie er sie aus dem dicht besiedelten Mitteleuropa nicht kannte. Sie begeisterte ihn zu Landschaftsgemälden, in denen der Natureindruck expressiv gesteigert wird. Leuchtende, stark konstrastierende Farben schleudern ihre Energie förmlich aus dem Bild heraus. Das Felsengewirr des Insellands übersetzt Krauskopf in ein dynamische, nach mehreren Richtungen ausgreifende Flächigkeit, in der die auseinanderstrebenden Diagonalen dominieren, durch die starke schwarze Konturierung verstärkt. Die Spiegelung der Felsen im See füllt auch die untere Bildhälfte mit einer Struktur aus Farbflächen, so dass die Landschaft in ein Mosaik aus leuchtenden Farbfeldern überführt wird. Wie in einem kirchlichen Mosaik oder einem Glasfenster lädt der Künstler die Landschaftsdarstellung mit spiritueller Potenz auf, die dem See mit Felsenufer eine fast sakrale Weihe verleiht und dem Betrachter eine mystische Kommunion mit den Kräften der Natur erlaubt.

Felsenufer auf den Lofoten, Norwegen (expressive Landschaft), um 1935
Ölgemälde auf leinenbezogener Malpappe, 75 x 63 cm
verso Echtheitsbestätigung durch Else Krauskopf, die Ehefrau des Künstlers Ausstellungen:
- Symphonie in Farbe. Franz Heckendorf, Bruno Krauskopf, Wilhlem Kohlhoff. Eine Ausstellung der Kunstfreunde Bergstraße, Weinheim an der Bergstraße 1991
- Bruno Krauskopf und Erich Waske, Galerie von Abercron, München 1997
Literatur: - Rainer Zimmermann (Hrg.) Symphonie in Farbe. Franz Heckendorf, Bruno Krauskopf, Wilhlem Kohlhoff, Alsbach 1991 ganzseitige Farbabbildung auf Seite 88 Provenienz:
- Kunstfreunde Bergstraße Weinheim
- langjähriger privater Sammlungsbesitz

     
 

April 2019
Kunstwerk im Fokus

Xaver Fuhr: Im Hafen, 1932

Neu-Sachliche Weltsicht

Die Herkunft aus Mannheim prägte Xaver Fuhr. Die Auseinandersetzung mit Werken Paul Cézannes in der Mannheimer Kunsthalle bestimmte sein frühes, spätimpressionistisches beeinflusstes Schaffen. Immer schon spielte auch das Konstruktive eine Rolle in den frühen Gemälden, und in der 1. Hälfte der 1920er Jahre entwickelte Fuhr daraus seinen eigenen neu-sachlichen Stil. Kennzeichnend sind Linearität und Flächigkeit in Verbindung mit expressiven Elementen. Gustav Hartlaub, Direktor der Mannheimer Kunsthalle, sorgte dafür, dass der Autodidakt Xaver Fuhr ein Atelier im Dachgeschoss des Mannheimer Schlosses sowie ein Stipendium erhielt, um seine weitere künstlerische Entwicklung zu fördern. Die Aquarelle und Gemälde, die in den späten 1920er und 1930er Jahren entstanden, rechtfertigten Hartlaubs Interesse an dem Künstler; sie trugen Xaver Fuhr deutschlandweite Ausstellungen und Anerkennung wie den Villa-Romana-Preis ein.
Das Aquarell "Im Hafen" gehört in diese Schaffenszeit. Fuhrs Interesse gehörte den Stadt- und Architekturthemen. Sie waren der perfekte Vorwurf für seine Kunst, die von flächiger Reduzierung und Rhythmisierung durch Linien und Diagonalen geprägt war. Die Vereinfachung von Formen und Farben war für ihn gleichzeitig eine Potenzierung, mit der er zur Essenz, zum Wesen und nicht zum Aussehen der Realität vorstoßen wollte. Wie andere Künstler der Neuen Sachlichkeit wählte er häufig die unspektakulären, funktionalen Aspekte der Großstadt, wie hier die modernen Hochhausbauten, die er zu einer rechteckigen Silhouette mit schwarzer Musterung der Durchfensterung vereinfacht. Im Gegensatz dazu steht das zum Auslaufen bereite Schiff, dessen Heck fast aggressiv nach vorne sticht; die auseinanderstrebenden dynamischen Diagonalen seines Umrisses scheinen es aus dem Bild förmlich herauszutragen. Besonders kühn ist das Segel gestaltet: durch den freiliegenden Maluntergrund klafft der Windfänger als großflächige Nicht-Farbe im Bild und versinnbildlicht die unsubstanzielle, nicht greifbare Natur von Luft und Wind, die gleichwohl das Fahrzeug aus Eisen und Holz in Bewegung zu setzen vermögen.
Xaver Fuhr (1898-1984): Im Hafen, um 1932 / 1934
Aquarell auf cremefarbenem Papier, 66,5 x 48,5 cm, Werkverzeichnis: Zienicke Nr. A-124
Ausstellungen: - Sammlung Günther Franke, Städtische Galerie im Lenbachhaus München 1960, Katalognummer 308
- Xaver Fuhr, Die Mannheimer Jahre. Kunstverein Mannheim 1994
- Zyklus 100 Jahre deutsche Kunst, Galerie von Abercron, München 1995
- Klassiker der Moderne: Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde u.a., Galerie von Abercron, München 2010
- Alexander Zienicke: Xaver Fuhr 1898-1973. Gemälde und Aquarelle, Recklinghausen 1984, Seite 227 - Xaver Fuhr: Die Mannheimer Jahre. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Mannheimer Kunstvereins, Mannheim 1994, farbige ganzseitige Abbildung auf Seite 30

 

Klassische Moderne
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