Peter Spiro: Friedenstaube am Place de la Paix, 2000, Aquarell

 

Februar 2018
Nachruf

Peter Spiro (1918 Berlin-2018 London)

Der Weltbürger aus Berlin

Nur wenigen Menschen ist es vergönnt, ein Säkulum als Lebensspanne zu erleben. In Peter Spiros langem und erfülltem Lebenslauf spiegeln sich die Wirrnisse und die Privilegien des 20. Jahrhunderts, und als Chronist seiner Zeit hat er davon in Wort und Bild Zeugnis gegeben.
Als Peter Spiro am 16. Mai 1918 in Berlin zur Welt kam, war Deutschland noch ein Kaiserreich, wenn auch mit einem Monarchen auf Abruf. Er wurde in die heute versunkene Welt des weltläufigen Bildungsbürgertums hineingeboren. Der Vater Eugen Spiro, aus einer jüdischen Breslauer Kantorenfamilie stammend, hatte sich seit der Jahrhundertwende mit seinen Bildnissen, Figurendarstellungen und Interieurs einen Ruf als einer der führenden Porträtisten ermalt. Die Mutter, Elisabeth Sänger-Sethe, stammte mütterlicherseits aus einer rheinländischen Beamten- und Künstlerfamilie, die mit dem Heine-Freund Christian Sethe und der Violinistin Irma Sethe seit über einem Jahrhundert Verbindungen zu Literatur und Musik pflegte; väterlicherseits war sie dank ihres Vaters, des Weltbühnen-Redakteurs und Fischer-Lektors Samuel Sänger im intellektuellen jüdischen Milieu verwurzelt. Peter Spiro, der das einzige Kind seiner Eltern bleiben sollte, durfte eine anregende Kindheit und Jugend im Berlin der Weimarer Republik verleben. Im gastfreundlichen Haus der Eltern gingen große Namen der Literatur, Malerei und des Gesellschaftslebens ein und aus, als Auftraggeber von Bildnissen, Kollegen und Freunde. Peter Spiro konnte noch im hohen Alter auf seine unnachahmlich plastische Weise von Begegnungen mit Gerhart Hauptmann auf Hiddensee erzählen, wo der Dichter und Verwandte der Spiros ihre Sommerhäuser hatten, er spielte als kleiner Junge mit seinem Vetter Klossowski, der später unter dem Namen Balthus in Paris zu Weltruhm als Maler zarter Mädchennymphengestalten kam. Peter Spiros Blick zurück war klar und realistisch, nicht ohne Humor vermerkte er die die Grenzen zur Eitelkeit streifende Selbststilisierung des Schriftstellers und die aristokratischen Mystifizierungen seines Cousins Balthus. Mit derselben wachen Aufmerksamkeit und realistischem Blick beobachtete er die gesellschaftliche und politische Entwicklung in den 1920er und frühen 1930er Jahren. In seinen in den 1990er Jahren niedergeschriebenen und vom deutschen und englischen Feuilleton lobend rezensierten Memoiren „Nur uns gibt es nicht wieder“ vermittelte er ein lebendiges, detailgesättigtes und glaubwürdiges Bild von dem geistig und künstlerisch reichen Leben in Berlin, berichtete aber auch von der politischen Drift nach rechts, in der Politik wie im Alltag. Er schrieb nüchtern und unprätentiös, und daher umso glaubwürdiger, von den Reaktionen der jüdischen Familie auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten: von der Selbsttäuschung des vorübergehenden Spuks bis hin zum Entschluss der resoluten Mutter Elisabeth, angesichts der Erosion der sozialen Stellung und der künstlerischen Anerkennung Eugen Spiros, Deutschland 1935 zu verlassen. Der Verlust, den Peter Spiro bis zum Lebensende spürte, war ein doppelter: er verlor eine Heimatstadt, die ihm eine Fülle geistiger und künstlerischer Anregungen geboten hatte, und Deutschland verlor einen gewichtigen Teil seiner Bildungs-Elite mit der Emigration des jüdischen Großbürgertums. Die frankophilen Eltern entschieden sich für Paris als neue Wahlheimat, der Sohn wurde jedoch zum Studium nach England gesandt. Obwohl an Malerei interessiert - sein Vater hatte ihn auf die sommerlichen Malreisen mitgenommen und die ersten Versuche mit Pinsel und Leinwand dank seiner reichen Erfahrung begleitet - nahm er ein Ingenieur-Studium auf. Er hatte die finanzielle Unsicherheit eines Künstlerlebens in bewegten Zeiten aus zu großer Nähe zu sehen, um sich nicht dem Wunsch der Mutter zu beugen, sein Leben mit einer technischen Berufsausbildung zu sichern. England, das den aus seiner Heimat ausgestoßenen jungen Mann aufgenommen hatte, wurde ihm dann auch zur neuen bleibenden Heimat. Hier fand er seine Frau und gründete eine Familie, von der er noch mehrere Urenkel erleben konnte. In seinem Beruf als Ingenieur konnte er eigene technische Entwicklungen umsetzen und als Berater, Übersetzer und Redner sein Wissen auf Konferenzen weitergeben. Der Mensch Peter Spiro gewann die Herzen derer, die ihn kennen lernen durften, mit seiner Großherzigkeit und Uneigennützigkeit, seinem liberalen Freimut, dem Kleinlichkeit und Konfrontation fremd war.
Die Liebe zur Malerei ließ Peter Spiro auch während seiner erfolgreichen Berufslaufbahn nicht los. Mit dem Ende der Berufstätigkeit wechselte er in den Unruhestand, in dem er sich großzügig wie alles, was er tat, der Vermittlung von Kunst und Geschichte widmete, um deren friedensstiftende und aussöhnende Kraft er wußte – im auseinanderbrechenden Europa heute ist dieses Bewußstein von der einenden Kraft der gemeinsamen Kultur wichtiger denn je. Peter Spiro war jahrzehntelang tätig als Kulturvermittler im großen europäischen Kulturraum zwischen England bis nach Schlesien. Es war ihm ein Bedürfnis, das Andenken an den bedeutenden Künstler Eugen Spiro und mit ihm das Wissen um jene fruchtbaren und fortschrittlichen Jahrzehnte zwischen den 1890er und dem Beginn der 1930er Jahre festzuhalten, in denen die deutsche und die europäische Kultur sich wechselseitig bereicherten. Zusammen mit dem Galeristen Wilko von Abercron erarbeitete er die Monographie und das Werkverzeichnis: „Eugen Spiro. Spiegel seines Jahrhunderts“, bis jetzt dank der Fülle der Informationen das Referenzwerk zu Eugen Spiro. Die Berliner Akademie der schönen Künste erhielt als seine Stiftung einen Teil des schriftlichen Nachlasses Eugen Spiro und seiner Familie, der in einem Sonderforschungsprojekt zur Geschichte von Emigration und Exil ausgewertet werden wird. Aktive und schöpferische Erinnerung waren die Malreisen, die Peter Spiro ab den 1990er Jahren auf den Spuren Eugen Spiros unternahm. Er reiste jedes Jahr an einen der Orte in Südfrankreich, Italien und Spanien, die Eugen Spiro vor 1933 in den Sommermonaten für seine Landschaftsgemälde aufgesucht hatte, und schuf eigene Landschafts- und Stadtansichten. Begleitet wurde er von seiner Tochter Elizabeth Spiro, selber eine Malerin und Graphikerin von hohen Graden. So entstand die sogenannte „Drei-Generationen-Malerei“. In Öl, Aquarell und Grafik hielten Vater, Sohn und Enkelin Spiro über den Abstand etlicher Jahrzehnte die mediterrane Landschaft in ihrer Zeitlosigkeit und ihrem Wandel im Bild fest, von drei malerischen Temperamenten unterschiedlich interpretiert. Jedes Jahr wurden die Ergebnisse einer Malreise auf den „Seasons-Greetings-Karten“ zusammengefasst und waren auf Ausstellungen in England und Deutschland zu sehen. Bis ins hohe Alter war es Peter Spiro vergönnt, auf Reisen, mit Reden und Briefen andere Menschen an der ungeminderten Fülle seines Wissens und dem Schatz seiner Erfahrung teilhaben zu lassen. Wer ihn kannte, wird diesen distinguierten, verstandesscharfen und großzügigen Botschafter einer verschwundenen Zeit nicht vergessen.
Am 9. Februar 2018, ein Vierteljahr vor seinem hundertsten Geburtstag, ist Peter Spiro in London gestorben.

Abbildung rechts: Peter Spiro: Friedenstaube am Place de la Paix, 2000, Aquarell



Peter Spiro
     
  Nach oben Informationen zu Ausstellungen, Künstlern und Kunstwerken